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Beginn der Musikinstrumentenproduktion in Carlsfeld

Die vom Ortsgründer Veit Hans Schnorr von Carolsfeld 1679 angelegten Hammerwerke unterlagen um die Jahrhundertwende immer mehr dem Konkurenzdruck englischer Walzbleche. Die Folge davon war der Niedergang sämtlicher Hammerwerke um 1823.Mit der Arbeitslosigkeit kam auf die Bevölkerung eine unvorstellbare Not zu.In dieser Zeit entstand im Dreiländereck Böhmen, Vogtland und Erzgebirge ein neuer Erwerbszweig, die Musikinstrumentenherstellung. Nach dem Konstruktionsprinzip der ”Äoline” entwickelte C.F.Uhlig 1834 in Chemnitz die erste ”Deutsche Konzertina”.


In Carlsfeld lebte von 1828 bis 1864 ein Mann, der großen Einfluss auf die Entwicklung der Gemeinde als auch auf die Harmonikaproduktion genommen hat. Es ist Carl Friedrich Zimmermann. An sein Wirken erinnern seit dem Jahre 2005 eine Tafel am Gebäude der Bäckerei Schönfelder und ein Denkmal an der Hauptstraße.

(L: C.F. Zimmermann 4.9.1817 – 20.10.1898 R: Erste Harmonikafabrik in Carlsfeld erbaut 1847)

Auf der Gedenktafel am Gebäude der Bäckerei Schönfelder ist zu lesen:

„Elternhaus von Carl Friedrich Zimmermann. Hier wurden um 1840 die ersten Handzuginstrumente von Carl Friedrich Zimmermann in einer Dachkammer hergestellt und weiterentwickelt. Um 1843 erfand er die Union-Harmonika, welche später als Bandonion um die ganze Welt ging.“

 

„Auf diesem Grundstück errichtete Carl Friedrich Zimmermann 1847 die erste Harmonikafabrik Carlsfeld. Hier wurde auch die von ihm bereits 1843 entwickelte Union-Harmonika hergestellt. Sein Werkmeister Ernst Louis Arnold übernahm den Betrieb 1864 und erweiterte ihn mit der Werkhalle am Schulberg (ELA). 1911 gründete Alfred Arnold in dem ursprünglichen Fabrikgebäude eine eigene Firma mit dem Markenzeichen AA.

Von Carlsfeld aus traten die Bandonions ihren Siegeszug um die Welt an und gelten bis heute als das Herz des Tangos.“

 

 

Über das Leben von C.F. Zimmermann geben seine biografischen Notizen Auskunft, die aus dem Archiv der North Carolina University in Raleigh stammen. Er wurde am 4. September 1817 als erstes von sechs Kindern im Eisenhüttenwerk Morgenröthe geboren. Als er noch klein war, organisierte seine Mutter Musikstunden für ihn, zuerst auf dem Klavier, später auf der Geige. Als er 11 Jahre alt war, zog die Familie nach Carlsfeld. Mit einigen Kameraden ging er nach Böhmen, um Violinstunden beim Kantor Wenens zu nehmen. Da sich seine Eltern nur gelegentlich Musikstunden leisten konnten, erwarb er sich einen Teil seines musikalischen Könnens durch sonntägliches Musizieren mit seinen Freunden. Der Vater reiste als Spitzenhändler in Sachsen herum. „Und nachdem die Mutter in meinem 15. Lebensjahr gestorben, machte ich die Haushälterin der anderen fünf Geschwister. Im 16. Jahr heiratete der Vater eine simple, grämliche Person, was mich bewog, zu meinem Onkel Heinrich Rockstroh in Chemnitz als Eisengießerlehrling zu gehen, woselbst ich die Musik wieder betrieb, um mir Kleider in der Lehrzeit zu verdienen“, schreibt Zimmermann. Wieder nach Hause zurückgekehrt, ging er mit seinem Bruder auf den Spitzenhandel. Die Stiefmutter sandte ihnen aber keine Waren nach. „Wir waren bis Danzig gekommen“, schreibt Zimmermann, „und da ich mich mit meiner 3reihigen Harmonika von Uhlig aus Chemnitz dort beliebt zu machen wusste, halfen uns andere Handelsleute mit Waren aus, so dass wir den 4wöchentlichen Dominikimarkt mitmachen konnten. Eine Lobrede im Danziger Dampfboote über mein liebliches Spiel auf der Harmonika änderte meinen Sinn. Ich beschloss, mir selbst ein solches Instrument, noch größer, zu bauen, weil Uhlig nicht dazu zu bewegen war; er lieferte mir aber einen Satz anderer Tonplatten.... und nun machte ich mich daran, mir selbst ein solches Instrument zu erbauen.“ Um 1840 begann er mit fünf Talern Anfangskapital in einer Dachkammer des elterlichen Wohnhauses, größere Instrumente zu bauen. Da er sich für den Bau seiner geplanten größeren Instrumente das nötige Anfangskapital schaffen musste, stellte er auch einfache, einreihige Harmonikas her, die von der armen Bevölkerung gekauft werden konnten. Durch seine Beteiligung an Ausstellungen erhielt er so viele Aufträge, dass er die erste Harmonikafabrik in Carlsfeld (Haus am Bach) 1847 bauen konnte. 1850 veröffentlichte er einen Bericht über die Pariser Gewerbeausstellung von 1849, auf der er ein von ihm erfundenes Instrument vorstellte, welches auf der Deutschen Concertina basierte. Das Instrument soll als „Carlsfelder Concertina“ bezeichnet worden sein. Diese Carlsfelder Concertina von Zimmermann unterschied sich von den bisherigen Concertinas, die einmal 1829 von dem englischen Physiker Charles Wheathstone und 1834 von dem Chemnitzer C. F. Uhlig unabhängig voneinander erfunden worden waren, durch eine größere Anzahl der Stimmen, durch eine andere Anordnung der Tastatur und durch eine edlere Klangfarbe. Das schreibt der Klingenthaler Musikwissenschaftler Dr. Kurt Kauert, der sich dabei auf ein Manuskript von Manuel Roman in einer Sendung des Westdeutschen Rundfunks vom 18. Oktober 1985 beruft. Manuel Roman bezeichnet in seinem Manuskript Zimmermann als den wirklichen Erfinder des Bandonions.

 

 

Ein noch vorhandenes wertvolles Dokument von Anfang der 1850er Jahre ist ein von Carl Friedrich Zimmermann verfasster „Selbstlehrer für Concertina, eine leichtfassliche Anleitung, in höchst kurzer Zeit das Concertina selbst ohne Lehrer geläufig spielen zu lernen, mit besonderer Rücksicht auch auf solche, denen es bisher an musikalischen Kenntnissen fehlte“. In dieser ConcertinaSchule stehen über den Noten Zahlen, wie sie noch heute über den Tasten des Bandonions eingeprägt sind.

Hier das Vorwort zu diesem „Praktischen Selbstlehrer“: Bei dieser Beschreibung bietet Zimmermann seine „größeren ganz chromatischen Concertinas mit 108 Tönen“ an. Hier haben wir es also bereits mit dem Bandonion zu tun, obwohl es die Bezeichnung Bandonion damals noch nicht gab. Chromatisch heißt, dass auf diesem Instrument bereits die vollständige Tonleiter spielbar ist. Die damaligen Concertinas waren nicht chromatisch. Bei ihnen fehlten zur vollständigen Tonleiter die Halbtöne und der Tonumfang war wesentlich geringer. Nach einem weiteren Dokument aus dem Dresdner Staatsarchiv vom Jahre 1851 erhielt Zimmermann die Konzession zum Anlegen eines Wasserrades für das Betreiben von Holzschneidemaschinen für seine Harmonikafabrik. In günstigen Zeiten beschäftigte er bis zu 76 Arbeiter, meist Waldarbeiter, Uhrenbauer und Nagelschmiede. aus dem Dorf. 1851 stellte er auf der Weltausstellung in London seine Chromatische Konzertharmonika sowie Bass- und Tenorharmonikas und andere Instrumente vor. 1854 zeigte er auf der Industrieausstellung in München 15 verschiedene Harmonikas aus seiner Produktion. Zimmermann schreibt in seinen biografischen Notizen: „Im Jahre 1851 erhielt ich ein Patent in Sachsen auf eine Verbesserung meiner 3reihigen Concertina, wo ich mittels einer Sondertaste alle Töne auf diesem Instrumente um eine ganze Oktave höher erklingen machen konnte, nicht nur dieses, sondern alle Töne beliebig doppelt (in Oktaven) erklingen lassen konnte.“ Bei der 3reihigen Concertina Zimmermanns handelt es sich wahrscheinlich um das gleiche Instrument, das erstmals 1856 von dem Krefelder Geschäftsmann Johannes Schmitz im „Krefelder Jahrbuch“ als Bandoneon bezeichnet wird.

Der Text hat folgenden Wortlaut: “Accordeons, Concertinas, von wenigen wohl auch Bandoneons genannt, von 20 bis 220 Tönen, mit Oktavenveränderung, welche alle bis jetzt angefertigten Zungeninstrumente in tragbarer Größe übertreffen.“ (Nach der WDR-Sendung „Das Bandoneon des Herrn Zimmermann“ von Manuel Roman vom18. 10. 1985). Es gibt in der deutschen Sprache nur sehr wenige Veröffentlichungen über das Bandonion. In ihrer Ungewissheit schreiben viele Autoren die Erfindung des Instruments dem Händler Heinrich Band zu. Doch Heinrich Band hat nie Instrumente gebaut. Eine Nachfrage im Krefelder Stadtarchiv ergab, dass es über Heinrich Band keine Dokumente aus dieser Zeit gibt, bis auf diese Zeitungsanzeige, die Mitte Dezember 1850 erschien.

 

 

 

Carl Friedrich Zimmermann musste trotz seiner Erfolge feststellen, dass er mit seine Konkurrenten, die mehr Kapital hatten und billigere Instrumente herstellten, nicht mehr mithalten konnte. Seinen Betrieb kaufte Ernst Louis Arnold, der bei Zimmermann Harmonikabau gelernt hatte. 1864 folgte er dem Ruf seines Bruders nach Amerika und übernahm dessen Musikgeschäft in Philadelphia Hier wurde er durch die Erfindung der „Autoharp“, einer Zither mit einer Mechanik, durch die das Spielen nach Zahlen möglich wurde.

 

In Carlsfeld entwickelte Ernst Louis Arnold die Fabrik erfolgreich weiter.1888 kaufte er ein ehemaliges Schulgebäude und baute eine neue Werkhalle. Der Betrieb wurde unter dem Namen „ELA“ bekannt. Hier wurden Konzertinas, Bandonions und Symphonettas gebaut.

Alfred, der jüngste Sohn Ernst Louis Arnolds, gründete 1911 eine weitere Firma mit dem Namen „Alfred Arnold“.

1933 war diese Firma mit ca. 100 Beschäftigten einer der wichtigsten Arbeitgeber in Carlsfeld. Monatlich wurden etwa 600 Instrumente hergestellt von denen 85 Prozent nach Südamerika exportiert wurden, wo sie den Tango am Rio de la Plata prägten. Carlsfeld wurde das international anerkannte Zentrum der Bandonionproduktion. Und bis heute verbindet sich das Firmenzeichen „AA“ (seit 1929) bei Musikern aus aller Welt mit dem Bandonion aus Carlsfeld.

In Carlsfeld selbst wurde das Instrument fast in jedem Haus gespielt. Außerdem gab es ein Werksorchester der Firma Alfred Arnold und einen Bandonion-Club.

1964 endete die Handzuginstrumentenproduktion im Ort. Auch die Musik verstummte fast vollständig.

Seit Anfang der 90er Jahre gibt es Bemühungen, die Bandoniontradition wieder zu beleben.

1992 gab es ein Benefizkonzert mit dem Bandonionsolisten Karl Oriwohl und der Bandoniongruppe Chemnitz in Carlsfeld. Seit 1993 findet regelmäßig Anfang Oktober ein Bandonionfestival in Carlsfeld statt, das von namhaften Orchestern aus ganz Deutschland sowie von Solisten gestaltet wird. Auch Tangokünstler aus Südamerika begeisterten die Konzertbesucher.

Allerdings traten Carlsfelder Musiker anfangs dabei nur am Rande in Erscheinung. 1993 hatten erstmals der neunjährige Robert Wallschläger und sein Lehrer Dieter Seidel, ein ehemaliger Bandonionbauer, einen Auftritt beim Konzert. Ab 1999 war Roberts jüngerer Bruder Richard Wallschläger mit dabei.

Um die musikalischen Traditionen in Carlsfeld zu pflegen und zu bewahren, wurde 2001 im Ort der Bandionionverein Carlsfeld e.V. gegründet. Neben der Traditionspflege stellte er sich die Aufgabe, eine Bandoniongruppe zu gründen, die eine gute musikalische Qualität besitzt und die auch junge Spieler für das Instrument gewinnt und ausbildet.

Heute, knapp acht Jahre nach seiner Gründung, kann der Verein eine gute Bilanz seiner Arbeit ziehen.

Waren es in den 90er Jahren drei Carlsfelder Spieler, die zu den Bandonionfestivals auftraten, so besitzt Carlsfeld heute ein Orchester mit 18 Mitgliedern, zu denen auch ein Schlagzeuger und ein Sänger gehören.

Dank fleißiger Probenarbeit und der Offenheit für Neues haben sich die Musiker ein gutes musikalisches Niveau und ein vielfältiges Repertoire erarbeitet. Während der Festivals im Oktober 2007 und 2008 bewiesen die Carlsfelder Spieler, dass sie mit so erprobten und langjährig bestehenden Orchestern wie dem Bandonionorchestern Halle oder Dresden durchaus mithalten können. Dabei demonstrierten sie neben der volkstümlichen Bandonionmusik auch ihre Hinwendung zu moderner Musik wie Swing, Rock, Pop und Musical. Auch der Tango sowie klassische Stücke gehören zum Programm des jungen Klangkörpers.

Besonders hervorzuheben ist die gute Nachwuchsarbeit des Vereins. Die beiden jüngsten Orchestermitglieder, die elfjährige Anne Heinz und der zwölfjährige Valentin Mende, begeistern mit ihrem Können das Publikum und lernen immer besser, auch schwierige Stücke zu meistern.

Sieben Mitglieder des Orchesters sind jünger als 30 Jahre. Robert Wallschläger unterrichtet gegenwärtig acht Schüler im Bandonionspiel.

Darüber hinaus organisiert der Bandonionverein seit 2004 alljährlich im Mai ein Konzert, bei dem bekannte und namhafte Bandonionkünstler das Publikum begeistern. Zum Beispiel gastierte der weltbekannte Tangovirtuosen und -komponist Luis Stazo aus Argentinien mit seinem Quintett „Stazo Mayor“ bereits zweimal in Carlsfeld. Von hier stammen seine Bandonions der Marke „AA“, die er heute noch spielt.

Die Musiker des Bandonionvereins Carlsfeld treten zu den Maikonzerten stets mit auf und nutzen die Möglichkeit, bei gemeinsamen Proben und während der Konzerte von den Profis zu lernen.

Der Carlsfelder Klangkörper ist zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens der Region geworden. In zahlreichen Städten und Gemeinden der Region war der Bandonionverein z. T zum wiederholten Male Publikumsmagnet.

2007 wurde eine CD unter dem Titel „Bandonionklänge“ produziert. Eine weitere CD wird in diesem Jahr herauskommen.

Seit Januar 2007 werden in Carlsfeld wieder Bandonions und andere Handzuginstrumente produziert und repariert. Robert Wallschläger, der als Kind in den 90er Jahren als einer der ersten Carlsfelder Bandonionisten öffentlich auftrat, hat den Beruf des Handzuginstrumentenmachers gelernt, erfolgreich seine Meisterprüfung bestanden und den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Renommierte Künstler bestätigen ihm eine gute Qualitätsarbeit.

Während der Bandonionfestivals und der Maikonzerte öffnet Robert Wallschläger den Besuchern seine Werkstatt und informiert sie über die technischen Details und die musikalischen Möglichkeiten des Bandonions. Rund 150 Interessenten waren im Oktober 2008 bei ihm zu Gast.

 

Der Verein sorgte auch dafür, dass das eingangs erwähnte Bandoniondenkmal und die Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus Zimmermanns geschaffen wurden und dass ein Lehrpfad an die Orte früherer Produktionsstätten des Bandonions führt.

Zusammenfassend kann man sagen: In Carlsfeld gibt es neue Hoffnung für das Bandonion und seine Musik. Das Erbe Carl Friedrich Zimmermanns und der Arnolds ist in guten Händen.

Ingrid Witscher Klaus Wallschlager,

Bandonionverein Carlsfeld e.V.

Luis Stazo mit RW-Bandonion
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